Widukind und die geheimnisvolle Irminsul

Text: Eduard Emmerich

Vor langer, langer Zeit nahm der Sachsenfürst Wernekin seinen Sohn Widukind zum ersten Mal mit zum Thing auf den Eresberg. Dort versammelten sich die sächsischen Stammesfürsten, um wichtige Entscheidungen für ihr Volk zu treffen.

Als sie den Thingplatz erreichten, blieb Widukind staunend stehen. Vor ihm ragte ein gewaltiger Baum in den Himmel. Seine mächtigen Äste waren mit Schilden, Waffen und anderen Trophäen geschmückt.

„Vater, was ist das für ein riesiger Baum?“, fragte Widukind.

„Das ist die Irminsul“, erklärte Wernekin. „Sie ist eine uralte Eibe und für unser Volk ein heiliger Baum.“

„Aber warum ist sie so besonders?“

Sein Vater lächelte. „Die Eibe behält selbst im Winter ihr grünes Kleid und kann viele hundert Jahre alt werden. Ihre Wurzeln reichen tief in die Erde, während ihre Krone hoch zum Himmel strebt. Sie verbindet die Himmelswelt der Götter mit der Mittelwelt der Menschen und der Unterwelt der Toten.“

Widukind blickte ehrfürchtig zu den mächtigen Ästen hinauf.

„Und was ist in ihrem Inneren?“, wollte er wissen, als er eine kleine, dunkle Öffnung im Stamm entdeckte.

„Alte Eiben werden mit der Zeit im Inneren hohl“, erklärte sein Vater. „Die Menschen erzählen sich, dass dort die Wege zwischen den Welten zusammenlaufen und sich die Götter zwischen den Welten bewegen.“

Dann zeigte Wernekin auf die grünen Zweige. „Doch die Eibe birgt auch Gefahren, denn ihre Bestandteile sind giftig. So erinnert sie uns zugleich an das Leben und den Tod.“

Widukind dachte nach. „Dann ist sie nicht einfach nur ein Baum, sondern ein Geheimnis!“

„Ganz genau“, antwortete sein Vater. „Und auch ihr Holz ist besonders. Es ist fest und biegsam und eignet sich hervorragend für Bögen, mit denen geschickte Schützen ihre Pfeile weit und genau fliegen lassen können.“ Widukind hörte interessiert zu. Mit solch einen Bogen möchte er später auch einmal zur Jagd gehen.

Anschließend erkundete Widukind die große Tempelanlage neben der Irminsul. Er beobachtete die Menschen, die aus allen Teilen des Sachsenlandes gekommen waren, und lauschte den Beratungen auf dem Thingplatz.

Mehrere Tage dauerte die Versammlung. Als Vater und Sohn schließlich die Heimreise antraten, blickte Widukind noch einmal zurück.

Die Irminsul stand mächtig auf dem Eresberg, ihre grünen Zweige wiegten sich im Wind.

„Vater, wird dieser Baum immer hier stehen?“, fragte Widukind.

„Vielleicht nicht für alle Zeiten“, antwortete Wernekin. „Doch solange wir seine Geschichte weitererzählen, wird die Erinnerung an ihn lebendig bleiben.“

Und so ritt Widukind mit seinem Vater nach Hause. Er hatte an diesenen Tag nicht nur einen gewaltigen Baum gesehen, sondern auch gelernt, dass die Natur voller Geheimnisse ist und jede gute Frage der Anfang einer großen Entdeckung sein kann.