Frau Holle

Wer kennt sie nicht, die Frau Holle im Märchen der Brüder Grimm, die es schneien lässt auf der Erde wenn sie ihre Betten ausschüttelt und die die Goldmarie für ihren Fleiß belohnte und die Pechmarie für ihre Faulheit bestrafte. Schon als Kind habe ich mir die Frage gestellt,  warum die Goldmarie in den Brunnen fiel und in einer "Unterwelt" landete, bei Frau Holle aber plötzlich in einer "Oberwelt" war und es schneien ließ. 

Die Brüder Grimm sind im mitteldeutschen Gebiet auf die Sagen von Frau Holle gestoßen, die die Vorlage zu ihrem Märchen wurden. Schon in die Erstausgabe ihres Buches "Kinder- und Hausmärchen" von 1812 fand dieses Märchen Einzug. Besonders Jacob Grimm wollte aber beweisen, dass Frau Holle mehr ist als nur eine Märchengestalt. Er kam zu dem Schluss, dass der Begriff Holle eine andere Form von Holda oder Hulda ist, eine der wichtigsten und größten  germanische Gottheiten. In den Rauhnächten, das sind die Nächte zwischen Weihnachten und Epiphanie am 6. Januar, tobt sie durch die Wolken und löst dabei die alljährlichen Winterstürme aus. Sie fliegt mit ihrem Gefolge durch die Welt und schenkt den fleißigen Spinnerinnen volle Spulen und goldene Fäden, sie ist ihnen "hold", den Faulen (den Unholden) aber zerstört sie den Rocken. Das älteste Dokument für diese These stammt von Bischof Burkhard von Worms. Um das Jahr tausend schreibt er, dass eine gewisse Holda mit weiblichen Dämonen auf Tieren durch die Nacht reite.

Frau Holle war den fleißigen Menschen wohl gesonnen. Sie schenkte den Frauen Fruchtbarkeit und den fleißigen Bauern gute Ernte. Ihr wurde an Holunderbüschen und Quellen, besonders in Verbindung mit einer Höhle, gehuldigt. Diese galten als Eingangspforten in ihr Reich. Dieses Reich ist aber weder Unterwelt noch Oberwelt. Es ist eine "Anderswelt", die sowohl unten, oben, als auch neben uns ist. Deshalb musste Goldmarie auch nicht nach Oben klettern oder sich aus den Wolken abseilen, sondern nur durch ein Tor zurück in unserer Welt gehen.

Eine zweite Person ist in diesem Zusammenhang zu nennen, die Frau Perchta. Mal wird sie als eigenständige Göttin genannt, mal aber auch als die dunkle, strafende Seite der Frau Holle. In Nord- und MItteldeutschland ist es Frau Holle, in Süddeutschland und in den Alpen Frau Perchta, die wesensgleich genannt werden. Von Perchta soll sich "Knecht Ruprecht" ableiten, Entweder als eingenständige Person, Knecht der Frau Percht, oder als dunkle Wesensseite der Perchta, "Rüpercht", die "rauhe Percht". Knecht Ruprecht, die dunkle strafende Gestalt, wird heute weitestgehend ausgeblendet, die beschenkende Lichtgestalt hält sich aber in Form des Christkind. Deshalb ist das Christkind weiblich. Wieder eine meiner Kindheitsfragen, die sich hiermit beantworten lässt. 

Auch die "Tage zwischen den Jahren" sind auf die germanische Mythologie zurückzuführen. Der germanische Mondkalender hatte 354, der Sonnenkalender aber 365 Tage. Es besteht also eine Differenz von 12 Nächten und 13 Tagen, die o.g. Rauhnächte. Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass die Rauhnächte am Weihnachtstag dem 25. Dezember beginnen und an Epiphanie, dem Tag der Erscheinung des Herrn am 6. Januar enden.

Wer mehr über den Zusammenhang der germanischen Mythologie und dem heutigen Weihnachtsfest wissen möchte, dem sei ein Buch der promovierten Historikerin Renate Reuther empfohlen:
Reuther, Renate. Enthüllungen über Holle, Percht und Christkind. Eine kleine Kulturgeschichte des Weihnachtsfestes. Engelsdorfer Verlag, Leipzig. 2017

Weitere von mir verwendete Literatur:
Gardenstone. Göttin Holle. Auf der Suche nach einer alten Göttin. Arun-Verlag,  Engerda. 2002